Johanns Gedanken und Träume (Erstes Kapitel)

 

 

 

 

       

 

 

 

1.Spaziergänge

 

 

 

 

 

Da es schön war, glaubte ich nicht daran. Und es hatte doch so sehr geschneit... All die Straßenlaternen, die ein alter Mann abends  entfachte, kamen mir vor wie Leuchtfeuer, die mir den Weg nach Hause zeigen. Ganz warm strahlten sie um mich herum, in einer dunkelblauen Nacht... und vorsichtig, einsam und traurig betrat ich eine neue, riesengroße Welt.

  Die Kutsche hatte mich erst heute Morgen hierhergebracht und meine Tante bereitete mir mit Kaffee und Kuchen einen herzlichen Empfang.

  „Sei mir gegrüßt zu guter Stunde“, sagte sie und umarmte mich dabei so deftig, dass mir beinahe der Dreispitz vom Kopf rutschte. „Wie schön, dich endlich einmal wiederzusehen, liebster Johann“, fuhr sie fort und begann augenblicklich vor Freude zu weinen, sodass all ihre Speckfalten unter ihrem grauen Kleide bebten.

  „Ach schau her, nun bist du in der Musenstadt... aber komm erst mal rein. Ich hab Apfelstrudel für uns.“

 

Johann blickte sich noch einmal mit leuchtenden Augen rätselnd in der verschneiten Straße um, bevor sie ins Haus gingen, welches in jenem Augenblick in einem Schneegestöber verschwand.

 

Später am Nachmittag, nachdem ich mich in einem Zimmer im Obergeschoss eingerichtet hatte, machte ich noch einen kleinen Spaziergang durch die Stadt und mein Herz raste mir so sehr, dass ich mich kaum traute, von meinen Füßen aufzusehen, so als wäre all mein Mut, mit dem ich nach Weimar aufgebrochen war, wieder hinfort.

Fast schämte ich mich, hier zu sein und durch die Straßen zu gehen, von denen ich so lange geträumt hatte, und als ich dann vor Goethes Hause stand und darin die Kerzen leuchten sah, ging ich schnell wieder zurück zu meiner Tante. Draußen schneite es unaufhörlich.

 

Liebe Frau Mama,

ich bin gesund bei Ihrer Schwester angekommen und sie hat mich herzlich bei sich aufgenommen.  Noch  weiß  ich  nicht,  was sie von mir verlangt, dass ich bleiben kann! Es ist jedoch verständlich, dass ich mich hier nicht so einfach einniste, auf Kosten dieser lieben Familie. Ich denke, das wird sich am Montag alles entscheiden.

Es ist nicht Ihre Schuld, dass ich so rasch aufgebrochen bin, auch nicht die von Papa. Ihr sollt euch also keine Vorwürfe machen, aber ich hätte das alles nicht länger ertragen und ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich mich am Ende einfach wie Werthern erschossen hätte. Bei Gott, ich weiß nicht, wie ich dieses Leben dulden kann!

Bitte sagen Sie Papa noch einmal herzlichen Dank für die Taler, die er mir gab. Was er für mich getan hat, werde  ich  ihm  nie vergessen. Und so verbleibe ich Euer Euch liebender Sohn, Johann.

 

Weimar, 8. Dezember 1799

 

 

Mit leuchtenden Augen saß er spät am Abend an seinem Schreibtisch vor dem Fenster und schaute in die verschneite Gasse hinunter.

Die Kerzen vor ihm flackerten warm. Er legte die Feder beiseite und zog sich seine Stiefel aus, als es klopfte.

  „Ja bitte?“ fragte er leis.

Langsam öffnete sich die Tür und seine Tante kam zu ihm hinein.

  „Entschuldigung“, flüsterte sie, „aber ich habe das Licht bei dir gesehen und da ich auch nicht schlafen kann, dachte ich, ich könnte dir etwas zu Trinken bringen.“

   „O gerne.“

  „Ich weiß, es ist eigentlich schon zu spät für Kaffee, aber ich dachte, etwas Warmes würde dir vielleicht gut tun, besonders weil es so kalt ist.“

   „Das ist wirklich lieb von dir.“

Einen Augenblick schwiegen sie, als er mit funkelnden Augen aus dem Fenster sah.

   „Schaust du dir den Schnee an?“

  „Ja... das tut mir gut, und es tut auch gut, hier zu sein“, sagte er, während sich oben am Himmel der große gelbe Vollmond hinter den Schneewolken zeigte.

Sie lächelte warm, als wolle sie dazu etwas sagen.

  „Ich wünsche dir eine gute Nacht und schlaf dich  richtig  aus“,   sagte   sie  und  schlich  sich hinaus. Er nahm sofort darauf einen Schluck Kaffee, stand auf, eilte zu seinem Mantel und holte seine weiße Pfeife und seinen Tabakbeutel hervor, und der Schnee fiel und fiel... und er dachte an die Musik, an Haydn besonders, und wie er hinaus sah, da konnte er nicht glauben, dass es jemals wieder aufhören würde zu schneien und er fragte sich, ob er dies überhaupt wolle.

Und als all die Sterne zwischen den Wolken glitzerten, da wurde ihm recht warm ums Herz. Alles schien irgendwie verzaubert.

  „Dies ist ganz gewiss der herrlichste Abend meines Lebens.“

  Durch den Kaffee erhoffte ich mir, noch weit bis in die Nacht hinein aufbleiben zu können, doch schon kurz nach Mitternacht fielen mir über dem Tisch die Augen zu.

 

Hoch von den Wolken kam ein Geist mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und flog durch die Nacht. Vorsichtig öffnete er Johanns Fenster und kam zu ihm hinein.

  „So viel wirst du noch sehen... musst viele Prüfungen bestehen. Bitte sei davor nicht bange.

Auch wenn du meinst, dass alles untergeht. Wenn der Schnee dich hier ganz sanft umtanzt, mit seinem leisen Schlummerlied, so war ich bei dir, in dieser Nacht... und ich habe dich verzaubert.“

 

 

*

 

 

In jener Nacht sah er auch den Löwen zum allerersten Mal, der in meiner Geschichte eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen wird, denn als Johann aufwachte und aus dem Fenster blickte, erschrak er schocktausend sapperment!

 „Das kann doch gar nicht sein“, sagte er erstaunt.

 „Das gibt es doch gar nicht“, flüsterte er begeistert, denn was nun dort unten in der Gasse seine wilde Mähne zeigte, war nichts weiter als ein ausgewachsener Löwe, der magisch aus den Schatten trat.

Stolz und geschmeidig ging er völlig ruhig daher und trug auf seinem Rücken zwei strahlend weiße Flügel. Erstaunt betrachtete Johann gespannt das Geschehen und für einen kurzen Moment  wollte er  Alarm schlagen, doch wurde ihm auch sofort die Unmöglichkeit dieser Angelegenheit bewusst. Es konnte unmöglich echt sein, was er dort sah.

Mit einem Mal blieb der Löwe stehen und sah voller Stolz und Kraft zu ihm hinauf.

  „Was ist?“ rief Johann erschrocken.

Einige Sekunden lang sahen sie sich direkt in die Augen, dann wandelte der Löwe weiter, als wäre es das Normalste von der Welt, gar als ob er seinen allnächtlichen Kontrollgang machte und sich nur einmal das neue Gesicht Weimars ansehen wollte.

Rasch öffnete Johann das Fenster und beugte sich weit hinaus, der Erscheinung nachzuspähen, und tatsächlich lief der Löwe gemütlich daher, ein ganz und gar unbekümmertes Wandeln, das trotz allem den Anschein erweckte, als benutze das Tier für jeden einzelnen Schritt, jede einzelne Faser seines Muskelapparates.

Die vollkommen gelbe Pracht jagte Johann einen Freudenschauer sonderlicher Art ein.

Er war erneut hellwach und geistesgegenwärtig genug, um noch gewahr zu werden, wie der Löwe um die Ecke strich und sich mit elegantem Schwanz seinem Blick entzog.

Johann war sich endlich sicher, hier Zeuge eines echten Wunders geworden zu sein, welches sich gewiss nicht mit menschlichen Begriffen aufklären ließ.

  Die ganze Nacht beschwor er diesen Cherub in seinem Geiste wieder herauf und kam mit sich überein, dass es sich um nichts weiter handeln könne, als um ein Wesen der Unendlichkeit, um einen Kater vom Olymp höchstselbst.

  „Und wenn er mich am Ende fressen will?“ Doch dieser Gedanke war ihm nun doch zu unheimlich und nach langem Hin- und Hergrübeln legte er sich mit dem Gedanken schlafen, dass es nun schon seine Richtigkeit mit der Erscheinung habe, zumal sie ja ihm erschienen war und nicht irgendjemandem.

 

Den Sonntag hielt er sich frei, um Spaziergänge zu unternehmen. Gewiss sagte er nichts von der letzten Nacht und nachdem er mit seinem  Onkel  und  seiner Tante gefrühstückt  und sich mit starkem Kaffee für den Aufbruch gerüstet hatte,  zog er auch sogleich seinen Mantel an, verstaute Pfeife, Tabak und Zündhölzer darinnen und ließ alsbald   die   Haustür   hinter   sich  ins  Schloss fallen. Das verschlafene Weimar lag ausgebreitet vor ihm und er sog die frische Luft so genussvoll ein, als wäre sie ätherische Arznei.

Wohlgerüstet strich er davon, sodass der Schnee unter seinen Schritten knirschte.

Er ließ es sich nicht nehmen, frohgemut noch einmal durch die Esplanade zu laufen, um dann über den Frauenplan hinweg Weimar hinter sich zu lassen.

Und so wanderte er durch den tiefen Schnee auf die Wälder zu, genüsslich hin und wieder eine Pfeife rauchend.

 

Je weiter er ging, desto heftiger begann es zu schneien. Das Rauschen des Windes klang in seinen Ohren und sein ganzes Gesicht begann vor Kälte taub zu werden. Der Wind kam von vorn, sodass es für Johann anstrengend wurde weiterzugehen, doch hatte er sich zumindest vorgenommen zu jenem Wald zu gelangen, der weit ausgebreitet vor ihm lag. Beinahe wie ein blauer, schneebedeckter Märchenwald.

Jedoch  je  stärker  der  Schneesturm  wurde, ja ein regelrechter Schneesturm war herangewachsen,   desto   mehr   verlor   er   die   Lust dorthin zu gelangen. Er wollte gerade umdrehen, um zurückzugehen, da sah er sich noch einmal kurz um und bemerkte etwas sehr Sonderbares im Wald.

Er kniff die Augen zusammen, um durch das Schneetreiben hindurchsehen zu können, denn es war ein Glühen hinter den Bäumen, ein warmes Licht, dessen Herkunft er nicht ganz erdeuten konnte.

Es konnte eine getragene Fackel sein, ein Lagerfeuer, beispielsweise einer Räuberbande, konnte er ausschließen, da es sich augenscheinlich bewegte.

 „Potztausend sapperment!“ fluchte er, als er nahezu zu schlottern anfing.

Und er blinzelte weiter in den Wald hinein und da trat der Löwe aus ihm hervor und seine Mähne stand in Flammen.

Johanns Augen wurden groß und mit einem Mal sah er es ganz deutlich vor sich, dieses Geschöpf im tiefen Schnee und sie schauten sich einen Augenblick tief in die Augen. Und dann zeigte der Löwe ihm, als wolle er drohen, die Zähne und machte sich langsam daran auf ihn zu zu schleichen.

  „Gott verfluchte Teufelei!“ rief Johann, drehte sich um und lief zurück in Richtung Stadt, einen ungemütlichen Schauer im Nacken.

 

  Die ersten Lichter der Häuser nahmen sich bereits sehr warm und einladend in dem Winterlande aus. Er zog den Dreispitz tiefer ins Gesicht, schlug den Kragen hoch, stopfte sich eine Pfeife und freute sich regelrecht auf die warme Stube. Er hatte sich die ganze Zeit über nicht mehr umgesehen und war froh, als er die Haustür hinter sich schloss.

 

Der Löwe war ihm gefolgt und als Johann nun verschwand, sprang er hoch in den Abendhimmel hinein und zog über dem Hause seine grimmigen Kreise, und seine brennende Mähne hinterließ unter den silbernen Sternen einen rauchigen Streif.

 

Zuhause brannten bereits einladend warm und freundlich die Kerzen und durch das Fenster sah man den dunkelblauen Abendhimmel, in dem ein prächtiger gelber Vollmond stand.

Die schlichte weiße Tapete leuchtete durch den Kerzenschein  orange  und  aus  dem Esszimmer hörte er das Klirren von Besteck, das über die Teller fuhr, und begeistert riss er sich den Hut vom Kopf, denn es duftete nach einem herrlich warmen Mahl. Johann blickte auf den dunklen Esstisch und sah mit leuchtenden Augen auf die dampfenden und funkelnden Schüsseln hinab.

 

Zu später Stunde ging er in sein Zimmer, zündete die Kerzen an, stopfte sich eine Pfeife, entzündete auch diese und deponierte sie in seinem Mundwinkel, während er in seinem Gepäck nach Wielands Agathon kramte.

 

Mit dem Buch streckte er sich auf dem Rücken liegend auf dem Boden aus und hielt es, mit funkelnden Augen drin lesend, über sich in die Höh´. Es war ein Satz Wielands, der in ihm dunkle Empfindungen auslöste und den er wieder und wieder lesen musste:

 

Wenn es seine Richtigkeit hat, dass alle Dinge in der Welt in der genauesten Beziehung aufeinander stehen, so ist nicht minder gewiss, dass diese Verbindung unter einzelnen Dingen oft ganz unmerklich ist...

 

An diesem Satz hing er fest, erneut und erneut las er ihn und das Weltinnere wurde ihm zu einem geheimnisvollen Weben und dessen nachtschwarze Fäden, dieses undurchdringbare Netz, welches die Welt zusammenhielt, entzündeten seine Neugier auf diese Schattenwelt, in der sich, seiner Vorstellung nach, ganz andere Dinge ereignen mussten.

 

Am nächsten Morgen erwachte er sehr früh und blinzelte mit den Augen, sich der Sterne erinnernd.

Müde gähnte er und streckte sich zurecht und eine heimliche Freude auf diesen Tag überschlich ihn. Schnell stand er auf, eilte zum Fenster und öffnete es, um die frische Luft einzuatmen.

Danach ging er mit einer Kerze in der Hand zum Frühstück.

Ein weißer Teller und eine kleine Tasse auf einem Unterteller standen für ihn bereit, davor ein Korb Brot und eine Schale Honig. Alles funkelte schön in der Dunkelheit.

Eilig stellte er Wasser auf den Ofen und malte rasch Kaffee in der Mühle.

Das Haus war leer und so ging er nach dem Frühstück mit der Kerze hinauf, holte einen Bogen Papier hervor und schrieb mit seiner Feder:

 

Liebe Tante und lieber Onkel,

heute werde ich wieder eine kleine Wanderung machen. Die Landschaft ist einfach zu schön. Ich freue mich, bald wieder hier zu sein und verbleibe bis dahin Euer Johann.

 

Schnell zog er sich an, setzte seinen Dreispitz auf und eilte erneut in die Küche, legte den Brief auf den Tisch und schloss, obwohl kein Grund dazu bestand, leise hinter sich die Tür und strich davon.

 

  Als er am Abend die Esplanade durchquerte, entdeckte er einen schönen Buchladen in der von Laternen warm beleuchteten Straße.

Bezaubert stand er vor den Schauläden, in denen Bände von Goethe, Shakespeare und die neue Tieck´sche Übersetzung des Don Quixote auslagen.

 

   „Guten   Abend   der   Herr.  Womit  kann  ich dienen?“ fragte der Buchhändler freundlich, als Johann eintrat.

  „Guten Tag. Eigentlich wollte ich mich bloß einmal umsehen. Ich bin noch ganz neu in der Stadt, müssen Sie wissen.“

  „Gerne, doch wenn ich helfen kann, rufen Sie einfach nach mir“, sagte der Buchhändler, lächelte und ging wieder zu einem anderen Kunden, von dem er gerade gekommen war.

Dieser hatte Johann die ganze Zeit über merkwürdig angesehen. Er hatte ein unsagbar weiches und kindliches Gesicht, große, sanfte, etwas schelmische Augen und langes braunes Haar. Als Johann zu ihm sah, lächelte ihn dieser an.

 

 

Dies sind meine Gedanken, die ich mit euch in der Einsamkeit teile. Wir Verlorenen. Wie Sterne, die verglühen. Wie Wolken, die vergehen. Seht ihr mich noch, ihr Menschen der Welt? Wenn ich durch den Schnee wandere? Wenn ich abends ein Licht in meiner Stube entfache? Ihr seid mir wie Schatten. Ich bin einsam und frei, mich fortzuträumen, wohin ich auch  will.  Oft  ist  es schwer wiederzukommen, zurück zu euch, die ihr mir so fremd erscheint. Hier meine Bücher, wie Reiseberichte aus der Unendlichkeit, meine Gedanken an die Musik.

Seltsam kommt es mir vor, in dieser Zeit hier zu leben. Seltsam erscheinen mir eure Interessen. Wie von den Sternen, so scheint mir, fiel ich herab, kenne mich hier überhaupt noch nicht aus.

Und je länger ich hier bin, je länger ich forttreibe, desto mehr sehne ich mich, sehne ich mich zurück, zum Mond, zu den Träumen, von denen ich euch erzähle.

 

  „ … ja, der gute Tieck hat das Original wirklich ganz erfasst. Ich bin mir sicher, dass seine Übertragung Epoche machen wird...“, sagte der junge Mann zum Buchhändler und blickte wieder zu Johann.

   „Da bin ich ganz ihrer Meinung und ich muss gestehen, dass ich mich als Buchhändler heutigentags nicht zu beschweren brauche, gerade hier in Weimar... Ich habe schon einige Bestellungen für den Don Quixote erhalten, aber auch die Übertragung des Nibelungenliedes wird gewiss   einige   Käufer   finden.   Wir   leben  in trefflichen Zeiten, was die Literatur betrifft... gerade hier in Weimar.“

Johann   lauschte   ein   wenig   dem  Gespräch,  während  er  an  den Regalen entlangschlenderte und hin und wieder ein Buch herausnahm.

„Und ich bin mir überdies sicher, dass auch Ihr Werk Interesse wecken wird. Ich habe heute Morgen Ihre Hymnen an die Nacht gelesen und kann mich nicht genug an Ihnen ergötzen.“

Johanns Herz schlug ihm bis zum Hals.

 

Draußen begann es wieder zu schneien. Dicke Flocken fielen durch den dunkelblauen Abendhimmel. Und mit einem Male trat der junge Mann auf ihn zu.

 „Sie müssen verzeihen, dass ich gelauscht habe... Sie sind also neu in Weimar?“ fragte er und sah ihn mit leuchtenden, großen Augen an.

  „Ja, genau. Ich besuche meine Tante für einige Zeit.“

  „Bleiben Sie über Weihnachten und Neujahr?“

  „Ja, ich denke schon.“

 „Weimar ist ein sehr schöner Ort, müssen Sie wissen. Es wird Ihnen sicher sehr gefallen.“

Johann wusste darauf nichts zu sagen, sondern reichte ihm rundheraus seine zitternde Hand. Er hatte den großen Dichter Novalis immerzu für einen alten Mann gehalten, aber er schien gerade einmal zwanzig Jahre alt zu sein. Sie hätten Freunde sein können und als er ihm nun gegenüberstand, musste er erschüttert feststellen, dass die beiden im Grunde Welten trennten. Er erschien so sanft und hatte so frohe und intelligente Augen, dass es Johann einschüchterte. Wie kommen solche Genies zustande, fuhr es ihm durch den Kopf... und das in dem jungen Alter?

 

 „Mein Name ist Johann“, stotterte er.

 „Oh“, antwortete Novalis und lächelte, sodass Johann augenblicklich rot wurde.

 „Ich heiße Friedrich von Hardenberg und freue mich, Sie kennenzulernen“, fuhr er fort und drückte sanft Johanns Hand.

 „Ich weiß... Sie sind Novalis... der Novalis.“

 Der Novalis?“ antwortete dieser und lächelte.

 „Ich möchte auch einmal Dichter werden.“

„Das dachte ich mir schon“, antwortete er,  „Haben Sie schon etwas geschrieben?“

„Ja,  einige  Gedichte, aber nichts Bedeutendes.

Ich will nun einen philosophischen Roman schreiben. Aber ich bin mir über meine Begabung noch nicht im Klaren und fürchte bald, ehrlich gesagt, hier in die Irre zu laufen“, sagte Johann und blickte aus dem Fenster.

Es schneite immerzu.

 

  „Aber so dürfen Sie nicht denken. In uns allen liegt die ganze Welt. Das ganze Universum ruht tief in unseren Herzen. Sie müssen nur den Weg dorthin finden, so wird sich alles von ganz alleine geben, Sie werden sehen. Wenn Sie sich bewusst machen, dass Sie die ganze Schöpfung in ihrem Herzen tragen, ist es ein Leichtes, selbst schöpferisch zu wirken und bald werden Sie erkennen, dass Ihr Leben nicht ausreichen wird, um all das zu beschreiben, was Sie dort sehen... So seien Sie nur guten Mutes.“

   „Darf ich Sie etwas fragen?“

Novalis nickte und strich sich das Haar hinters Ohr.

   „Wieso nennen Sie sich Novalis?“

Novalis sah zu Boden und schien kurz in unsagbarer Traurigkeit zu schwelgen. Johann sah ihn an, sein langes braunes Haar, das kindliche   Gesicht,   die  goldenen   Knöpfe   an  seinem schwarzen Mantel, die Stulpenstiefel, und versuchte schlau aus diesem wundersamen Dichter zu werden.

Novalis... der Neulandbestellende, warum nennst du dich so? Du erscheinst mir wie ein Geist.

  „Das wäre für heute eine zu lange Geschichte“, antwortete er und seine Augen begannen wieder neugierig zu leuchten, doch als Johann in sie hinein sah, erkannte er in ihnen etwas Fremdes, und ihm war, als würde dieser Novalis, der sich in Friedrich von Hardenberg verbarg, in einem blauen Zaubergewand hoch oben über dieser Welt schweben, in vollem Bewusstsein niemals wieder zu landen.

 „Ich muss mich nun leider von Ihnen verabschieden, Johann“, sagte er und reichte ihm die Hand. „Ich habe mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen.“

  „Ich mich auch“, antwortete Johann und schon verschwand Novalis hinaus ins Schneegestöber und in die Nacht.

Auch Johann schlug nach einer Weile seinen Kragen hoch und wanderte durch die Stadt. Spät am  Abend, es muss so um elf Uhr gewesen sein, schleppte er sich ins Bett und schlief ein.

 

Als er am nächsten Morgen die Sonne durch das Fenster strahlen sah, kam ihm ein Gedanke, und zwar, dass die Welt eine stete Erinnerung sei. Es ging folgender Maßen vor sich:

 

Er erwachte und alle Erinnerungen stellten sich ganz langsam wieder ein, an den Ort, an dem er sich befand, an die Zeit, und als er glaubte, die Gegenwart schließlich erkannt zu haben, da war selbst diese schon eine Erinnerung geworden.

Rasch schaute er auf die Uhr und versuchte die Gegenwart festzuhalten, doch viel zu schnell war sie vergangen.

Und selbst bei allen Gegenständen, die er um sich herum vernahm, verwunderte er sich, ob er diese nicht eigentlich bloß erkenne, weil sie ihm aus der Erinnerung bewusst waren und er sie in Wahrheit gar nicht wirklich sähe, sondern sich nur fortwährend an sie erinnere.

Die Gegenwart war immer ein Zustand von Vergangenheit und Erwartung, niemals etwas Endgültiges. Ebenso jeder Gedanke, so langsam und  bewusst   er   ihn  auch  fassen  wollte , war er   schon   in   einem   großen   dunklen    Raum vergangen. Hinein in dieses fremde schwarze, innere Universum. Wie ein Licht in der Nacht.

 

Heute wollte ich den Löwen suchen. Doch nahm ich die Kutsche und der Bedienstete meines Onkels sollte mich, auf den Rat meiner Tante, einmal mit der Gegend um Weimar vertraut machen. Der Morgen war gerade recht für diese Fahrt der Argonauten, die sich bis in den frühen Abend hinein hinziehen sollte.

So nahmen wir Brot, Honig, etwas Braten und Wein mit und freudig öffnete ich die Tür der schwarzen Kutsche, während es sich Friedrich oben auf dem Bock, die Beine in eine lila Decke gerollt, gemütlich machte. Auch er rauchte die Pfeife, sodass es ein lustiger und schöner Tag werden sollte.

Doch den Löwen fand ich nicht.

 

Eines Nachts saß Johann an seinem Fenster und sah zu den Sternen. „Wie schön ihr doch seid. Du Mond und all deine Sterne. Wie fern... und wie nahe rührt ihr mich doch. Wenn ich von euch träume und wenn ich euch auch nur ansehe, fühle ich mich nicht mehr allein.

Ihr da oben, wie ruhige Gedanken in einer  kalten Nacht.

Es ist alles bloß ein Traum.

Oh sieh, wie es schneit. Doch oben am Himmel ist keine Wolke mehr zu sehen. Nicht unter dem Mond und nicht unter all den geheimnisvollen Sternenbildern. Ganz langsam schweben die Schneeflocken durch den Raum. Jede ein ganz kleiner Stern.“

Und je länger er hinauf sah, desto tiefer meinte er ins Universum hineinblicken zu können. Dieses Haus der Sterne, wo sind wir nur? Und ihm war es, als flog er hinaus und höher und immer höher, bis er die Welt nicht mehr sah.

Die traurige Nacht umfasste Johann, als er noch immer staunend vor dem Fenster saß.

Manchmal erschien es ihm, als sähe er die Welt und all diese Zauber zum allerersten Mal.

 „Man kann sich nicht satt genug an der Unendlichkeit sehen, in der wir ruhen. In diesem unendlichen Raum meint man, das unendliche Werden des Geistes zu schauen.

Ich habe keine Angst vor der Nacht. O Gott, all die Schranken der Welt müssen aufgehoben werden.“

 

  „Nun stehen Sie nicht so da, Friedrich und warten so sorglos auf Morgen. Helfen Sie dem Jungen aus dem Wagen, er holt sich ja den Tod bei der Kälte“, sagte seine Tante, als sie spät am Abend wieder zuhause ankamen.

   „Sehr wohl.“

  „Nein, nein, es geht schon Friedrich. Schonen Sie sich.“

Johann bedankte sich für die Fahrt, eilte an seiner Tante vorbei und verschwand ohne zu Abend zu essen in seinem Zimmer.

 

Durchgefroren stieg Friedrich wieder auf den Bock und fuhr in die Dunkelheit hinein, den Hausherrn zu holen. Nur noch eine Weile sah man die Fackeln, die Friedrich an der Kutsche für die Fahrt ins Dunkel entzündet hatte. Warm leuchteten sie einen Augenblick, in der dunkelblauen Nacht.

Johann zog seinen Mantel aus und legte den Dreispitz auf den Stuhl.

  „Was geht auf dieser Welt nur vor, bei Isis und Osiris?“

Er setzte sich auf sein Bett und ließ den Tag vor seinem geistigen Auge vorüberziehen und wollte sich   für   eine   Pfeife   an   seinen  Schreibtisch setzen. Und wie er aus dem Fenster in die Nacht sah, erschien ihm alles so friedlich.

  „Ach, ihr funkelnden Sterne... wäre ich doch einmal bloß bei euch. Vielleicht könnte ich allein euer altes Geheimnis doch entschlüsseln.“

Beinahe wollten ihm die Augen zufallen. So blies er die Kerze aus und legte sich in sein Bett. Ihm war, als tanzten die Sterne silberleuchtend durch den Raum.

Johann ging in die Küche und wie jeden Morgen stand Essgeschirr aus weißem Porzellan für ihn bereit. Und auf seinem Teller lag ein Brief, dessen Siegel er sofort erkannte.

 

Lieber Johann,

ich vermisse Dich so sehr. Es tut mir alles so schrecklich leid. Liebst Du mich jetzt nicht mehr? Ich trage die goldenen Bänder, die Du  mir geschenkt hast, jeden Tag. Wir müssen uns aussprechen. Es darf so nicht enden. Wir könnten fliehen, könnten alles tun, aber es darf so nicht enden.                      

 

Sara

 

Hamburg, 12. Dezember 1799

 

 

 

Johann legte den Brief wieder zusammen und entschied sich den Tag, der so verregnet war, im Bett zuzubringen.

Trübe Wolken hingen über der Stadt und, soweit er es berechnen konnte, bis zum Horizont. So sollte es wohl den lieben langen Tag regnen und dunkel bleiben, jedoch auch eine gewisse Gemütlichkeit versprechen. Rätselnd schaute er zur Uhr, die gerade Zehn schlug und er entschied sich zumindest bis zum Mittag im Bett zu bleiben.

 

Und   wie   er   die  Metamorphosen  zur  Hand nahm, erinnerte er sich an einen Irrglauben, der erst durch die Lektüre von Ovid korrigiert wurde.

Er hatte nämlich lange Zeit, die gesamte Jugend hindurch, in dem Glauben gelebt Columbus wäre der erste Mensch gewesen, der behauptet hätte, dass die Welt eine Kugel sei. Und er hatte mit einer solchen Konstruktion im Hirn gelebt, dass es ihm jetzt peinlich war.

Denn schon auf der zweiten Seite des rund 1800 Jahre alten Buches las er, dass Gott die Welt als Kugel formte.

Es  fuhr  ihm  durch  die  Glieder  und  er glaubte zu Beginn, Opfer einer gigantischen Verschwörung zu sein und dass die ganze Geschichte von Grund auf gelogen sei.

Doch wie lange glaubten die Menschen denn auf einer Scheibe zu leben, fragte er sich.

  „Ich glaubte zumindest bis ins Mittelalter hinein.“

Doch war es ihm auch peinlich dahingehend Fragen an seine Lehrer zu richten. Und so verfestigte sich in ihm die Überzeugung, einer geheimen Verschwörung auf die Schliche gekommen zu sein.

Ja, insgeheim glaubte er das bis heute.

   „Zumal ja auch schon Platon Dinge gesagt hat, die viele Jahre später in der Bibel wieder auftauchen.

Zumindest wollte Columbus doch den Beweis antreten, dass die Welt tatsächlich eine Kugel sei und man durchaus auf dem Seewege Indien ansteuern könne, dies ist gewiss. Aber wie konnten denn überhaupt Zweifel daran bestehen, wenn Ovid über tausend Jahre vorher schrieb: Zur Form einer riesigen Kugel? Irgendetwas wundert mich hier.“

Und immer wieder stellte er sich die Frage, ob er einfach nicht im Unterricht aufgepasst hatte und es somit ein Denkfehler seinerseits war, oder ob es faktisch eine große Vertuschung gab.

Als Erstes kamen ihm die Freimaurer in den Sinn, die so ihr geheimes Wissen schützen wollten, indem sie Scheinwahrheiten verbreiteten, um die Menschen vor ihrem geheimen Wissen regelrecht zu beschützen.

  Oh Gott, und wer war Shakespeare wirklich, dass er so die Menschen kannte? In welchen himmlischen Sphären muss sein Geist gelebt haben?

Wer erzählt die Geschichte der Menschheit wirklich?

Wo ist das Universum wirklich, da alles was wir sehen, niemals ganz die Wahrheit ist, weil unser Gehirn sie gar nicht erfassen kann.

Vielleicht ist die Welt gar nicht so real, wie wir annehmen. Wenn man dieses merkwürdige Universum betrachtet und gleichzeitig sieht, mit welchen dem Menschsein unwürdigen Dingen sich die Menschen befassen, als sähen sie die Unendlichkeit und die Freiheit um sich herum gar nicht, könnte man doch meinen, dass das, was wir als Wirklichkeit betrachten, eine Art metaphysisches Zentrum ist, in dem ein Kampf tobt, zwischen ganz kranken und neidischen, gierigen Mächten, die man doch mit bloßem Auge erkennt. Die Menschen sind doch wirklich habgierige, dumme Dämonen, die sich lieber mit Akten und Käufen beschäftigen, als mit den Wolken, der Natur, der Liebe, dem Geist, der allein doch wirklich frei macht.

Wenn alles um uns herum nur Traum oder Gedanke, wenn wir bloß Traum oder Gedanke, wie   die   Philosophen    sagen,   wer  war   dann Shakespeare, wer ist Goethe, wer war Spinoza wirklich?

Was sind Tiere, was Bäume, Vögel, Sterne, Wolken, Blumen, Berge, Bienen? Was ist das alles wirklich?

Es ist ja wirklich bloß Traum.

Ist es nicht seltsam? Dichter heißen Homer, Shakespeare, Schiller, Goethe, Ariost, Vergil... Musiker heißen Mozart, Johann Sebastian Bach, Haydn und der Müller heißt Müller, Schmidt...

Es ist doch wirklich bloß Traum, weil alles so merkwürdig verträumt zusammenpasst und wir scheinbar alle das Gleiche träumen.

Wir alle träumen von den gleichen Bäumen, den gleichen Bergen, wir alle denken uns die hübschen Namen der Poeten und Komponisten aus.

Am Ende wird es mich geradezu nach Ägypten verschlagen!“  dachte Johann, als er erneut die Stelle las.

Er kroch immer tiefer unter die Bettdecke und philosophierte: „Und wenn sich noch mehr solche Fehler in meinen Erinnerungen nahezu manifestiert haben? Man denke sich nur einmal, dass  alle  Bücher  von einer Geheimgesellschaft geschrieben wären und selbst die unabhängigen Wissenschaftler auf diese Dokumente zurückgreifen müssten.

Vielleicht wissen einige Menschen viel mehr über Gott und die Welt als wir. Man stelle sich das nur einmal vor.“

Johann legte das Buch zur Seite und sah dem Regen zu, der auf dem Fenster perlte.

 

  „Grau, grau, grau. Alles grau, grau, grau. Am liebsten würd ich den lieben langen Tag im Bett zubringen.“

Bis zwölf Uhr versuchte er Fehler in seinen Erinnerungen ausfindig zu machen.

 „Nur die gründlichste Lektüre kann mir solche aufzeigen. Irgendwann werde ich wieder auf solche stoßen, denn alle Geheimspuren können   sie unmöglich verwischt haben. Ich werd schon noch beweisen, dass wir alle träumen. Wir alle träumen vom Schönen und vom Grauen und benennen es, nur damit es uns real erscheint.“

Dann kam ihm eine wunderliche Eingebung: „Und wenn der Löwe aus Ägypten stammt und mich sozusagen in die Geheimnisse einweihen will? Wenn er mich geradewegs ins Land der Pharaonen  führen  will? Dies würde ja auch mit meiner Freimaurertheorie exakt übereinstimmen. Beim Echnaton, es wird bedeutend. Es wird dementsprechend bedeutend.“

Mit diesen Worten kroch er aus dem Bett, zündete sich eine Pfeife an und ging mit ihr nach unten, um etwas zu essen.

Und wie er sich gerade das Honigbrot zum Munde führte und in den übervollen Mund noch etwas Braten nachlegte, kam ihm ein sonderlicher Gedanke.

  „Es ist doch im Grunde normal, dass sich der Mensch im Universum geradezu verirrt. Es ist viel zu komplex und ineinander verzweigt. Einmal verlässt man den Mond und reist zu den Sternen und schon vergisst man, wie man dahin gelangte, sodass man sich in der Unendlichkeit verliert, oder man liest gutgläubig ein Buch über die denkwürdigen Ringe des Saturn, welches einfach nur schlecht aus dem Lateinischen übersetzt wurde und schon steht man auf´s Blödsinnigste da.

Erst die Zukunft wird Deutlichkeit in diese Angelegenheit bringen. Doch wo befinde ich mich jetzt, da das Jetzt schon wieder vergangen ist,  so  schnell geradewegs, dass ich mich, wenn ich mich ansehe, eigentlich in der Vergangenheit sehen müsste, wenn die Gedanken langsamer als das Licht wären.

Mir erscheint die Gegenwart als Rattenfänger von Hameln, der selbst nichts weiter ist als Vergangenheit und die Vergangenheit wie einen immer länger werdenden Rattenschwanz hinter sich her pfeift. Er schreitet zwar voran,  aber  nie  aus der Vergangenheit hinaus, da jeder Schritt im nächsten Moment schon wieder vergangen ist.

Wir alle schreiben jeden Tag unsere Gedanken um, die wir gestern noch hatten, auch wenn wir noch so ehrlich sind, denn wir können die Gegenwart kaum wahrhaftig erleben, da wir all die Zusammenhänge nicht überblicken.“

 

Und da dachte er, als er vor die Türe trat und die Menschen in ihren regennassen Kleidern und mit nassem Haar von Haus zu Haus eilen sah, dass die ganze Welt und jeder Mensch in ihr verloren sei.

Jeder einzelne von ihnen. Der Schuster, der vor seinem Angesicht die Straßenseite wechselte und mit den Leisten, die gegeneinanderklopften, die endlose Vergangenheit beschritt, ohne ihr jemals zu entkommen, trug wie all die anderen, eine schwarze Sanduhr in der Tasche. Johann sah, wie jede Bewegung zu einem unendlichen Verlust hinstrebte, wie er eben dort und nun woanders, sich seinem Blick entzogen hatte und in einigen Jahren vielleicht schon in den dunklen Kosmos fallen würde, mit seinen Milliarden bunten, glitzernden Sternen und Wolken.

Und wie er dem bunten Treiben der Stadt zusah und alles vor seinen Augen in der Zeit verfloss, da war ihm, als stünde er außerhalb dieser, beinahe so, als schmölzen alle Zeitformen in ihm zusammen. Geradewegs so, als wäre er ihr Klangkörper, an dem die Zeit sich erst entfaltete. Die Schwingungen schienen aus ihm heraus zu strömen, um sich in der Welt zu gestalten. Was war die Zeit, wenn er sie in der verregneten Stadt und in dem Menschentreiben auf der Straße verfließen sah und durch die Bewegungen der Menschen zergliedern konnte, sie jedoch am eigenen Ich nicht erkennen konnte?

Ihm war, als stünde er still in der Zeit und alle Gedanken,  die  ihm  aufkamen,  erschienen ihm nicht als gegenwärtig, sondern als bloße Erinnerung und auch als er den ersten Schritt zur Straße tat, schien es, als würde sich nichts weiter als die Vergangenheit bewegt haben, und jedes Mal, wenn er kurz stillstand und sich zu dem Punkte umsah, an dem er eben noch war, war ihm, als wäre er ein dunkler Titan, der durch die Geschichte der Welt lief und stand er still, sah er der Täuschung der Gegenwart unterworfen die schwarzen Kutschen mit den vorgespannten nassen Pferden an ihm vorbeiziehen und ihm war, als wäre er der Mittelpunkt eines endlosen physikalischen Gesetzes, der wie ein Atomkern stillstand, obgleich sich seine Erinnerungen bewegten und sich zu neuen Gebilden zusammentaten und wandelten wie Wetter-leuchten, so war er hier gewissermaßen eingefroren, während die Welt sich weiter drehte. Und er wusste, das alles Leben, jeder Mensch, die junge Dame da, der kleine schwarze Hund auf der anderen Straßenseite,  das  Pferd  dort  drüben,  das  Huhn,  welches kratzend da, diese Mittelpunkte waren, um die sich unsere Welt doch dreht, die sich um uns drehen, ohne das wir´s merken.

 

  „Wir haben keine Zukunft. Sie ist eine Illusion. Wir  haben  noch  nicht  einmal  ein  eigenes freies  Leben.  Seht  ihr  nicht,  dass  wir verlorene Formeln sind?“

 

Und somit schlenderte Johann durch Weimar und in die dunkelblaue Nacht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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